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Rezension

Rezension des Buches von

Arno Kaiser:
Die Prinzipien eines vernunftbestimmten Lebens im falschen Ganzen. Moral ohne Moralisieren, Garbsen 2024.

Kaiser kritisiert an der akademischen Diskussion um Ethik und Moral, sie sei eine Reflexion der moralischen Grundlagen ohne Moral. Dagegen schreibt er sein Moralbuch, in dem es vorwiegend um moralische Prinzipien und Pflichten geht. Ob dem Autor dies gelingt, kann nicht abstrakt entschieden werden, sondern muss sich an der moralischen Sachproblematik erweisen.
   Wenn heute von „unseren Werten“ gesprochen wird, dann ist diese Redeweise ein Hinweis auf die Partikularität dieser Moral. Kaiser stellt zurecht dagegen eine allgemeingültige Moral, denn diese soll prinzipiell soziale Konflikte stillstellen, um sie friedlich zu lösen. Doch auch die vorherrschende Wertemoral gibt sich ebenfalls als allgemein geltend. Dies führt zu Widersprüchen, insofern wir in einer Klassengesellschaft leben, in der ein kleiner Teil der Bevölkerung bedeutende Teile der Produktionsmittel besitzt, während 90% der Bevölkerung direkt oder indirekt vom Verkauf ihrer Arbeitskraft leben muss, d. h. sich ausbeuten lassen muss. Eine Moral, die in der Gesellschaft beansprucht, das Verhältnis von Eigentümern und Nichteigentümern friedlich zu regeln, bestätigt dadurch bereits immer die Eigentumsverteilung in dieser antagonistischen Gesellschaft. Die heute vorherrschende „Wertemoral“ ist deshalb immer nur partikular oder, wie Marx dies einmal ausgedrückt hat, sie ist eine ideelle Existenzbedingung der herrschenden Klassen (Kapitalbesitzer und Großgrundbesitzer). Die Propagierung dieser Wertemoral widerspricht ihrem eigenen Anspruch, allgemein gültig zu sein, sie ist bloß partikular, um nicht zu sagen, sie ist Ideologie, falsches Bewusstsein zur Sicherung der bestehenden Herrschaftsverhältnisse.
   Kaiser ist sich dieser Problematik bewusst. Er unterscheidet deshalb konsequent zwischen der Vernunftmoral und den partikularen Moralvorstellungen, die zum sozialen Kitt von unvereinbaren Klassenverhältnissen dienen. Dagegen setzt er die Vernunftmoral als Kritik dieser Verhältnisse.
   Die Vernunftmoral ist das Resultat der ethischen Reflexion der Moral in der Geschichte des Denkens, in der die weltgeschichtlichen Erfahrungen sich niedergeschlagen haben. Sie hat ihren Höhepunkt – rein moralisch betrachtet – in der kantischen Moralphilosophie, wie verbesserungswürdig sie im Einzelnen auch ist. Danach ist der Mensch moralisch betrachtet Selbstzweck und darf nicht zum bloßen Mittel für andere gemacht werden. Da der Lohnabhängige in der verselbständigten Produktion um der Produktion willen („Wachstum“ als Fetisch) zum bloßen Mittel gemacht wird, ist die Vernunftmoral nicht mit den heutigen gesellschaftlichen Verhältnissen vereinbar. Die Vernunftmoral, die zurecht allgemeine Geltung beanspruchen kann, nach Kant sogar die gleiche Dignität wie ein Naturgesetz hat, erweist sich gegenüber den gesellschaftlichen Verhältnissen und der in ihnen vorherrschenden Moral selbst als bloß partikular.
   Ebenso wie in der Moral unterstellt Kaiser ein Vernunftrecht, das nicht mit dem positiven Recht übereinstimmt, sondern vor allem dem Eigentumsrecht, das die Klassengesellschaft absichert, kritisch gegenübersteht. In einer zukünftigen moralischen Gesellschaft muss es auch ein vernünftiges Recht geben, denn Moral beruht auf Freiwilligkeit, moralisches Handeln wäre nicht durchgängig möglich, wenn nicht diejenigen, die sich nicht an die Moral halten, durch das Vernunftrecht gezwungen würden, sich zumindest moralkonform zu verhalten.
   Kaiser erweist sich mit dieser kantischen Begründung des Vernunftrechts als Kritiker einer utopistischen Vorstellung aus, dass in einer solchen Gesellschaft die allgemeinen Interessen der Gesellschaft und die individuellen Interessen verschmelzen (gegen Rousseau u. Paschukanis). Wenn das Glück der Menschen immer auch individuell geprägt ist, dann müssen diese daraus fließenden nicht-antagonistischen Konflikte rechtlich geregelt werden können.
   Kaiser steht mit der Vernunftmoral vor dem gleichen Problem, das Aristoteles einst mit den idealen Ideen von Platon hatte: Was hat die Vernunftmoral mit der schnöden Unmoral zu tun, welche die Gesellschaft mit ihren Antagonismen begleitet. Auf dieses Problem kann Kaiser nicht pragmatisch reagieren und das Ideal einer guten Polis als Maßstab entwerfen, denn die herrschenden antagonistischen Konflikte lassen sich nicht auf den Boden dieser Gesellschaft ausgleichen oder gar lösen. Der Autor geht deshalb davon aus, dass aufgrund der Dynamik und der Widersprüche des kapitalistischen Systems die Menschen nie völlig in diese gesellschaftliche Ordnung integriert sein können, sie haben Spontaneität und Reflexionsvermögen, sich über dessen Zwänge und deren Unmoral zu erheben und in ihren Binnenbeziehungen moralisch nach der Vernunftmoral handeln zu können. Dieser Gedanke ist problematisch, denn dies ist nur möglich, wenn man den Einfluss der herrschenden Verhältnisse bis in die eigene Psyche hinein erkennt, reflektiert und abwehrt. Der Autor kann sich darauf berufen: Wenn man nicht in den „Inseln der Moralität“, dem Privatleben usw. ein Rest an Autonomie bewahrt, dann wird das Leben unerträglich, man vereinsamt, verliert sein Selbst und wird letztlich zum Psychopathen.
   Der größte Teil des Moralbuches von Kaiser behandelt die moralischen Bestimmungen der Tradition, indem er sich vor allem auf Kants „Metaphysik der Sitten“ bezieht – immer mit Reflexionen verbunden, welche die gesellschaftlichen Hindernisse thematisieren. Dabei geht er auf die Pflichten ein, die wir gegenüber uns selbst haben, unserem Körper und unserem moralischen Selbst (z. B. Bildung). So unterscheidet er zwischen der Solidarität im Interessenkampf der Lohnabhängigen, die immer noch im Partikularen verbleibt, und einer Solidarität in einer sozialistischen Bewegung, die Ausdruck wahrer allgemeiner Solidarität sein sollte.
   Gegen den heutigen Trend zur essayistischen Schreibweise werden bei dem Autor alle einzelnen moralischen Bestimmungen aus dem Moralgesetz (Mensch als Selbstzweck) abgeleitet oder sind doch mit diesem obersten moralischen Grundsatz vereinbar. Letzteres enthält deshalb ein historisches Moment der Auswahl der moralischen Bestimmungen, die aber nicht extra begründet werden, sich jedoch aus der zugrundeliegenden Gesamtanalyse der Gesellschaft erschließen lassen (etwa die moralische Pflicht zum politischen Engagement).
   Die Aporie der „Inseln der Moralität“ stellt sich so dar: Das moralische Verhalten hängt von dem guten Willen und der Einsicht der Einzelnen ab, wird aber ständig durch den Druck der kapitalistischen Konkurrenzgesellschaft wieder zurückgedrängt. Soll diese Tatsache nicht in völlig dissoziiertes Verhalten umkippen, wie es von autoritären Gesellschaften bekannt ist, in der Blockwartmentalität und allgemeines Misstrauen herrscht, dann muss auch versucht werden, gesamtgesellschaftliche Veränderungen zu etablieren. Der Autor hat deshalb einen eigenen Abschnitt über politisches Engagement eingefügt. Er geht davon aus, dass wir uns in der antagonistischen Gesellschaft, ob wir wollen oder nicht, schuldig machen. Durch unsere Mehrwertproduktion als Teil des Gesamtarbeiters vermehren wir nicht nur den Reichtum der Eigentümer, sondern verfestigen auch das ganze kapitalistische System, das uns zwingt, uns ausbeuten zu lassen. Als Käufer verhelfen wird dem Kapital nicht nur, den Mehrwert, der in den Waren inkarniert ist, zu realisieren. Wir sind dadurch auch – moralisch gesprochen – Hehler beim Diebstahl des Mehrwerts/Profits durch das Kapital. Mit unseren Steurern finanzieren wir nicht nur notwendige Staatsfunktionen (soziale Sicherung), sondern wir finanzieren auch das Militär, das den Imperialismus ausführt, der im kapitalistischen System notwendig mit inbegriffen ist. Selbst wenn wir nichts tun, sind wir über den Markt und die Staatsleistungen Teil dieses Systems und laden Schuld auf uns.
   Das Argument des Autors ist nun, wir können diese Schuld nicht umgehen, aber doch teilweise abtragen, wenn wir uns politisch engagieren, um vernünftige soziale Verhältnisse (ohne Herrschaft) und eine vernünftige Ordnung anstreben, die durchgängiges moralisches Verhalten als Voraussetzung persönlichen Glücks erlauben. Die Vernunftmoral wird dadurch zum kritischen Maßstab in der Theorie und einer möglichen Praxis. Politisch gesehen steht die Vernunftmoral der Unmoral des kapitalistischen Systems gegenüber und blamiert diese.
   Dem Argument, dass in diesen Gedanken utopische Momente enthalten sind, würde Kaiser wohl entgegnen, eine bloße Darstellung dessen, was ist, verbleibt im Spektrum des Positivismus, der immer schon einverstanden ist mit dem, was besteht.
   Allerdings weist der Autor auch auf die Grenzen der Moral hin. Positiv sieht er sie in den Adiaphora, negativ beim Tod des Individuums und beim Krieg und dem Soldatentum in der Gesellschaft.
   Abschließend möchte ich das Moralbuch von Arno Kaiser so beurteilen: Es ist ein notwendiges Buch, das eine thematische Lücke schließt, denn bisher fehlte eine durchdachte Moral auf der Basis der kritischen Philosophie und Gesellschaftstheorie. Dass dieses Werk den Anspruch einer populären Darstellungsform hat, was Marx auch von seinem „Kapital“ behauptet hat, führt bei dem Autor nicht zur Verwässerung der Problematik. Allerdings kann man kritisieren, dass keine Vollständigkeit aller möglichen moralischen Bestimmungen erreicht wird, das wäre dann etwa die Aufgabe einer moralischen Enzyklopädie. Diese Form der Darstellung setzt allerdings beim Leser Grundkenntnisse der marxschen Kapitalanalyse voraus bzw. liefert sie nach. Dass diese Analyse als wahr vorausgesetzt ist, ebenso der Grundgedanke der kantischen Vernunftmoral, ist andererseits in den Schriften von mir und anderen (z. B. „Marx und Kant“ von Kuhne) zur Genüge gezeigt.

B. Gaßmann

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